Ein bewegliches Logbuch von Paul Éluard auf seiner Segelreise nach Griechenland.

„Die Lichter von Piräus kreisen vor mir. Morgen stehe ich früh auf. ENDLICH!“

1.200

Paul Éluard (1895.1952)

Autographes Manuskript.

Eine Seite in 12°

Kein Ort und kein Datum. [Auf See, Mai 1946]

 

„Die Lichter von Piräus kreisen vor mir. Morgen stehe ich früh auf. ENDLICH!“

Ein bewegender Auszug aus Paul Éluards Logbuch von seiner Reise nach Griechenland.

_________________________________________________________

 

16. Mai, 3 Uhr morgens. Ich kehre in das ungewöhnliche Büro des Maklers zurück, wo die älteren Herren in Schneckentempo leben. Sie haben vergessen, mich eine Vereinbarung unterschreiben zu lassen, die mich verpflichtet, mich strikt an das strenge, disziplinierte Leben an Bord zu halten.

4 Uhr morgens. Ich gehe an Bord. Das Schiff (Liberty Ship) legt um 6 Uhr ab. Um 5 Uhr gibt es Tee und Mittagessen. Einer der Offiziere: Mathurin.  Ich habe mich an Italien gewöhnt und es fällt mir schwer, es zu verlassen. Ich wurde dort so herzlich aufgenommen und mir wurde alles so leicht gemacht. Ich bin der einzige Passagier. Es sind etwa ein Dutzend Offiziersanwärter im Alter von 18 bis 20 Jahren an Bord.

17. Mai. 7 Uhr morgens. Stromboli, rauchend schwarz-weiß. Am Fuße des Vulkans zwei Dörfer zwischen Wasser und Feuer. Der Kapitän ist seit fast 40 Jahren auf See. Mittags erreichen wir die Straße von Messina. Die See ist spiegelglatt, der Himmel bewölkt. Mittag . Messina. Weiße Schmetterlinge. Wir nehmen kleine Vögel an Bord. Der Ätna. Die Katze.

20 Uhr. Silberner Abend. Schwalben und Haie.

18. Mai. Wir kommen morgen gegen Mittag an. Sehr schönes Wetter. Ein kleiner Vogel setzt sich auf meinen Schoß.

17 Uhr. Die Kalamata-Bucht ist in Sicht. Schnee auf einem Berggipfel. Am Abend probiert der Kapitän unentwegt seinen Revolver auf der Brücke aus. Der Himmel ist gelb. Das Meer ist schwarz.

19. Mai, 6 Uhr morgens: Karge Inseln, hohe, schneebedeckte Berge. Außergewöhnliche Sekunden. Sehr tief hängende Wolken. Strahlender Sonnenschein.

10 Uhr. Ich habe eine Stunde geschlafen. Als ich aufwachte, merkte ich, dass wir abgedreht hatten. Die Inseln liegen jetzt an Backbord. Wir werden die Halbinsel umrunden und heute sicher nicht ankommen.

11 Uhr. Wir drehen noch. Englische Erklärungen. Ich weiß nicht, wo wir sind oder wohin wir gehen. Na ja, wir werden sehen.

12 Uhr. Mir wurde die Karte gezeigt. Es ist schlichtweg Kreta, das wir hinter uns lassen.

17 Uhr. Sonnenschein, doch das Meer ist spiegelglatt zugefroren und neblig. Kleine Inseln prägen die Landschaft. Wir gehen sehr langsam. Der Kapitän gesteht, dass er im Widerstand war. Er hasst Deutsche und verachtet Süditaliener.

22:45 Uhr. Ich stehe auf und schaue aus dem Bullauge. Vor mir im Kreis die Lichter von Piräus. Morgen stehe ich früh auf. ENDLICH!

 

_________________________________________________________

 

Unmittelbar nach dem Krieg engagierte sich Éluard als Botschafter der französischen Kultur und für politische Anliegen. Auf mehreren Reisen in die Tschechoslowakei, nach Italien, Jugoslawien und Griechenland (während des Bürgerkriegs) setzte er sich unermüdlich für die französische Kultur ein, hielt Vorträge und Lesungen. In diesem Kontext besuchte Paul Éluard im Mai 1946 Athen und Thessaloniki und nahm am 27. Mai 1946 an einer Zeremonie im Institut Français in Athen teil.

Éluards Beziehung zu Griechenland und der Partisanenbewegung war bereits unter anderem mit dem Gedicht „Athèna“ hervorgehoben worden, das er am 9. Dezember 1944 nach dem Ausbruch der blutigen Ereignisse in Athen verfasste.

 

 

Kontaktformular

Neue Produkte