Hermann Hesse (1877.1962)
Eigenhändiges Manuskript unterschrieben.
Eine Seite im Quartformat mit handschriftlichen Anmerkungen auf der Rückseite.
Kein Ort oder Datum [1917]
„Ich würde mein Leben nicht mit dem eines glücklichen Menschen tauschen.“
Prachtvolles Manuskript einer frühen Fassung eines seiner Hauptwerke, Verlorener Klang, betitelt Der Klang
Das Gedicht, 1917 während seiner existenziellen Krise im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg entstanden, wurde im selben Jahr veröffentlicht. Hesse erkundet und beschreibt darin das Wiederauftauchen einer kindlichen Sinneserinnerung und die unwillkürliche Reaktivierung einer verloren gegangenen Empfindung. Das Gedicht reiht sich in Hesses wiederkehrende Themen der Innerlichkeit, der Nostalgie und der Verzweiflung ein. Neben der deutschen Originalfassung präsentieren wir hier Pierre Mathés französische Übersetzung unter dem Titel * Sonorité perdue* (Verlorener Klang).
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Eines Tages in meiner Kindheit
Ich ging über eine Wiese
Vom Morgenwind getragen
Ein Lied begann leise
Ein Ton im Azurblau,
Oder vielleicht ein Parfüm, ein blumiges Parfüm
Es roch gut, es hallte nach
Für die Ewigkeit,
Während meiner gesamten Kindheit.
Ich war mir dessen nicht mehr bewusst
Das ist nur heutzutage so
Das, was in meiner Brust verborgen ist
Ich hörte es wieder schlagen.
Und jetzt ist mir jeder gleichgültig
Ich würde mein Leben nicht mit dem eines glücklichen Menschen tauschen
Ich werde nur zuhören
Zuhören und schweigen
Während ein duftender Hauch verströmt,
Das könnte der Klang von gestern sein.
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Auf der Rückseite des Gedichts vermerkt Hesse, dass er für jedes Gedicht 40 Goldmark als Honorar erhält, eine Summe, die an den Verlag S. Fischer in Berlin überwiesen werden kann.
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Originalfassung:
Einmal in Kindertagen / Ging ich die Wiese lang, / Kam still getragen / Im Morgenwind ein Gesang, / Ein Ton in blauer Luft, / Oder ein Duft, ein blumiger Duft, / Der duftete süß, der klang / Eine Ewigkeit lang, / Meine ganze Kindheit lang./ Es war mir nicht mehr bewusst – / Erst jetzt in diesen Tagen / Hör ich innen in der Brust / Ihn wieder verborgen schlagen. / Und jetzt ist alle Welt mir einerlei,/ Will nicht mit den Glücklichen tauschen, / Will nur lauschen, / Lauschen und stillestehn, / Wie die duftenden Töne gehn, / Und ob es noch der Klang von damals sei.